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Pressespiegel 2014

 

Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung, 17.11.2014

Das ferne Licht leuchtete

Katalin Hercegh und das Kammerorchester Louis Spohr bei den Kasseler Musiktagen

KASSEL. Hochspannung erfüllte am Freitag die Kirchditmolder Kirche: Katalin Hercegh und das Kammerorchester Louis Spohr beeindruckten bei den Kasseler Musiktagen mit dem Violinkonzert des zeitgenössischen lettischen Komponisten Peteris Vasks.

Für keinen geringeren als Gidon Kremer hat Vasks sein 1997 uraufgeführtes Violinkonzert geschrieben. Der Untertitel „Fernes Licht“ verweist auf den Vorschein einer besseren zukünftigen Welt in der Ferne.

Das Werk hat eine fesselnde Dramaturgie mit starken Kontrasten. Neben melodien, die teilweise von der lettischen Volksmusik geprägt sind, stehen aggressive Ausbrüche. Und der Solist muss drei anspruchsvolle Kadenzen meistern.

Katalin Hercegh gelang dies auf grandiose Weise. Die ungarisch-finnische Geigerin musizierte mit technischer Bravour und emotionaler Hingabe. Sie bot eine Bandbreite vom Zarten bis zum Kämpferischen und gab Vasks‘ langen Melodiebögen eine glühende Intensität. Zu Recht bekam sie Riesenbeifall von den 45 Zuhörern.

Den Begionn bildete die Uraufführung von Ulli Göttes Streichorchester-Werk „Relations“, das im Auftrag der Musiktage entstanden war. Ein dichtes Beziehungsgeflecht, so konzertant-spielfreudig wie der Neoklassizismus Strawinskys. Götte erwies sich einmal mehr als eine individuelle Stimme innerhalb der Minimal Music.

Zum Abschluss erklang Anton Bruckners Streichquintett in einer Bearbeitung für Streichorchester. Mit ihrem packenden Zugriff machten die Musiker deutlich, wie modern Bruckner klingen kann. Diskontinuitäten wurden nicht geglättet: ein Bruckner der Abstürze und Gegensätze.

Von Georg Pepl


Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung, 06.05.2014

Haydns glanzvolle Seite

Der Cellist Laszlo Fenyö war Solist beim Konzert des Kammerorchester Louis Spohr

KASSEL. Joseph Haydn (1732-1809) ist eigentlich keiner, in dessen Kompositionen es vorrangig um sportliche Virtuosität geht. Vielleicht deshalb gab es lange Zeit Zweifel, ob das D-Dur-Cellokonzert tatsächlich von Haydn stammt, denn hier muss der Solist alles auspacken, was ihm an technischem Rüstzeug zur Verfügung steht.

Kein Problem für Laszlo Fenyö, den ungarischen Ausnahmecellisten mit Wahlheimat Oberursel, der als Gast dem Konzert dees Kammerorchester Louis Spohr im Südflügel des Kulturbahnhofs solistischen Glanz verlieh.

Als hätten sie es geahnt, waren Besucher in großer Zahl herbeigeströmt, so dass weitere Plätze geschaffen werden mussten. Fenyö zeigte, souverän begleitet vom Kasseler Ensemble, alles, was zu zeigen war: Kraftvolle Klanglichkeit, rasche Lagenwechsel, Doppelgriffe ohne Zahl, delikates Spiel in höchster Lage. Dazu im ersten Satz eine brillante Kadenz, im zweiten weit ausschwingende Sanglichkeit, und im Finale Hochgeschwindigkeitsspiel.

Das Schönste aber: Das alles war keine blutleere Virtuosität, sondern ein muskalisch reizvolles Spiel à la Haydn, nur eben effektvoll auf die Spitze getrieben. Den jubelnden Beifall fing Fenyö mit seiner Zugabe, der Sarabande aus Bachs d-Moll-Suite ein.

Eingeleitet hatte das Spohr Kammerorchester das Konzert mit Haydns Sinfonie Nr. 49 („La passione“), die vom Kontrast zwischen dem düsteren langsamen Eingangssatz und dem aufbrausenden schnellen zweiten Satz beherrscht wird, eine Abfolge, die sich mit dem dunkel gefärbten Menuett und dem Presto-Finale wiederholt.

Das von Katalin Hercegh geleitete Ensemble forcierte diesen Gegensatz noch, was in der überdirekten Akustik des Südflügel-Saales den schnellen Sätzen eine gewisse Schärfe verlieh.

Das Ländermotto „Österreich“ wurde nach der Pause hin zu Arnold Schönberg und Gustav Mahler erweitert. Christina Weiser vom Staatstheater trug Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ vor, das in Schönbergs gleichnamige Komposition mündete. Eindrucksvoll die Vielfalt der Ausdrucksnuancen und farben, vom fahlen mondhellen Klang bis zum satten Forte der bassstarken Orchesterfassung. Nahtlos folgte das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie, dessen immer neuen verhaltenen Ansätzen die präsente Harfe das besondere Kolorit gab. Intensiver Beifall belohnte das Spohr-Kammerorchester für diese Darbietung.

Von Werner Fritsch


Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung, 25.02.2014

Musikalischer Auftakt zu etwas Neuem

Das Kammerorchester Louis Spohr mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, Verdi und Piazolla

KASSEL. Der erste Frühlingsatem kam mit dem Südwind und erreichte am Sonntagabend über den Konzertsaal im Südflügel auch die Kasseler Musikszene. Das Kammerorechester Louis Spohr hieß ihn mit Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ willkommen, an deren Anfang „La Primavera“ steht. Die vier bekannten Violinkonzerte sind die geeigneten Stücke für einen Neuanfang. Und den hat das Kammerorchester vor: Jährlich drei oder vier Konzerte sollen in dem akustisch günstigen Raum unterhalb des Spohr-Museums stattfinden.

Der Auftakt gelang. Katalin Hercegh, die geigende Solistin und Chefin des Orchesters, spielte nicht nur mit Verve und Virtuosität, sondern hatte das schmale Ensemble, das hier nur mit elf weiteren Musikern (darunter den Cembalisten Jörg Halubek) auftrat, zu einem sehr vielfältigen Spiel angeleitet, das die Jahrezeiten in Italien plastisch und sehr abwechslungsreich gestaltete. Dabei war zum Beispiel zu lernen, was sich bei fortschreitender Klimakatastrophe auch in unseren Breiten anbahnt: ein drückender Sommer in Moll, bei dem alle sich nur von Schatten zu Schatten schleppen. Die Ensembleleistung war ebenso ausgezeichnet wie das mit vollem Einsatz angegangene Violinspiel der Konzertmeisterin des Staatstheaters. Als zum Abschluss der Winter erreicht war, gab es großen Beifall und Bravorufe der 160 Zuhörer.

Nach der Pause bliebe man in Italien. Giuseppe Verdis einziges Streichquartett, in einer Phase komponiert, als der Maestro keine Opern unter den Fingern hatte, ist ein Geniestreich voller Emotionen und Farben. In der Fassung für Streichorchester verwischt sich da allerdings mancher Akzent. Die nun mit siebzehn Mitgliedern volle Besetzung machte dennoch das Beste daraus. Das überschaubare Repertoire für Streicherkammerorechester macht die Verwendung solcher Bearbeitungen fast unumgänglich.

Wie man sich den Fühling in Buenos Aires (wo es jetzt gerade Herbst wird) vorzustellen hat, zeigte die Zugabe, ein Tango von Astor Piazolla mit einem teuflisch schweren Solopart für Katalin Hercegh und ihre Geige.

Von Johannes Mundry